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Wir über uns: Kleine Chronik der "Heinzelmännchen" von Berlin

"Als ich den Sozialreferenten der FU, Werner Günter Grimke, nach einer Arbeitsvermittlung für Studenten fragte, sagte er mir, dass es so etwas in Berlin nicht gäbe. Ich solle da doch selber etwas organisieren, wenn ich Interesse hätte..." Ulrich Heckert, Gründer der Heinzelmännchen

Das Jahr 1949 begann für die Berliner Bevölkerung alles andere als leicht: In der vom Krieg zerstörten und infolge der Blockade nur über die Luftbrücke versorgten Stadt kam es immer wieder zu Stromsperren, Lebensmittel- und Brennstoffmangel.Auch für viele Studierende war die Situation schwierig Die Kommilitonen der gerade gegründeten Freien Universität hatten neben dem noch eingeschränkten und teilweise provisorischen Lehrbetrieb auch mit finanziellen Problemen zu kämpfen. An ein Stipendiensystem wie das BAföG war noch nicht zu denken. Für viele war daher ein Nebenjob wichtige Voraussetzung für die Fortsetzung ihres Studiums.

Kommilitone Ulrich Heckert hatte von studentischen Kundendiensten in anderen Städten gehört. Am 26.03.1949 lässt er sich vom Bezirksamt Zehlendorf eine Gewerbekarte für die "Vermittlung von Aufträgen für Arbeiten aller Art ausschließlich an Studenten der Frei-en Universität" ausstellen. Am 01.04.1949 gründet er damit Berlins ersten studentischen Vermittlungsdienst: die "Heinzelmännchen". Ohne finanzielle und fachliche Unterstützung durch Universität oder andere Einrichtungen verläuft die erste Zeit des jungen Unternehmens noch recht provisorisch. Vormittags werden die Aufträge "eingesammelt". Das erste der "Heinzelmännchen" läuft hierfür mit einem Auftragsbuch von Institut zu Institut. Einige Aufträge werden zusätzlich im Rektorat angenommen. Mittags werden die Aufträge dann bei der Schul-Speisung in der Mensa-Baracke an interessierte Kommilitonen vergeben.

Wenig später können die "Heinzelmännchen" ihr erstes Büro im Souterrain der juristischen Fakultät, Ihnestraße 22, beziehen. Ein Telefon wird angeschlossen und der studentische Kundendienst beginnt, für seine 79 studentischen Teilnehmer kräftig die Werbetrommel zu rühren. Durch den Einsatz von Handzetteln, Werbeplakaten, täglicher (kostenloser) Funkwerbung im RIAS und eines Lautsprecher-Wagens wachsen Bekanntheitsgrad und Kundenkreis der "Heinzelmännchen". Es gibt sogar ein von Kommilitonen getextetes, komponiertes und gesungenes "Heinzelmännchen-Lied", das regelmäßig im Radio zu hören ist.Die vermittelten Jobs gingen vom Babysitten über schwere körperliche Arbeit bis hin zur wöchentlichen Toto-Auswertung. Kurzfristig gab es auch einen "Betrunkenen-Abholdienst" mit firmeneigenen Motorrad samt Soziussitz.Der festgelegte Stundenlohn betrug eine (West-)Mark wovon 10% als Vermittlungsgebühr abgeführt werden mussten.

Im August 1951 verkauft Heckert die Arbeitsvermittlung an das Studentenwerk der Freien Universität e.V. Zuvor war es wiederholt zu Differenzen mit dem Arbeitssenator um das Recht und Ausmaß einer privaten, gewerblichen Arbeitsvermittlung des wachsenden Unternehmens gekommen. Auch die Intervention und Vermittlung des Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter konnte in dieser Frage nur vorübergehend schlichten. Die Lizenz des Arbeitssenators schrieb vor, dass lediglich Gelegenheitsaufträge vermittelt werden sollten, also Aufträge, die im "Höchstfalle mehrere Stunden dauern dürfen, nicht mehr als ein bis zwei Studenten beschäftigen und keine Arbeit zum Inhalt haben, die ausgesprochen gewerblicher Natur ist." Gerade diese Art von Aufträgen machten jedoch ungefähr die Hälfte des Auftragsvolumens aus.

Nach der Übernahme der "Heinzelmännchen" durch das Studentenwerk erhält die Arbeitsvermittlung schließlich die Erlaubnis einer nicht gewerbsmäßigen Vermittlung von Tätigkeiten bis zu sieben Tagen an FU-Studierende und Kommilitonen der Kirchlichen Hochschule Berlin. 1952 übernehmen die "Heinzelmännchen" außerdem in Absprache mit dem Landesfinanzamt Steuerberechnung, Lohnkontoführung und Einbehaltung des "Währungsnotopfers" für die Auftraggeber. Ab 1956 wird die quartalsweise Steuerberechnung eingeführt, um Abrechnungsaufwand und finanzielle Belastungen für die Teilnehmer zu reduzieren.

Anfang der 50er Jahre nehmen etwa 20% der Studierenden an der Freien Universität, das sind zu diesem Zeitpunkt ca. 1.800 Teilnehmer, die Vermittlungsangebote der "Heinzelmännchen" in Anspruch. Neben Haushalten und sonstigen privaten Auftraggebern bedient sich ein Stamm von etwa 1.000 Firmen regelmäßig des studentischen Kundendienstes. Die "Heinzelmännchen" erreichen einen monatlichen Umsatz von ca. 25.000 DM. Die Löhne werden jetzt flexibler gehandhabt, bleiben jedoch für bestimmte Tätigkeiten bindend festgelegt: Sie reichen von 1,50 DM für's Teppichklopfen bis hin zu 5 DM für "Musikalische Ständchen bis zur Dauer von einer Stunde". Für besonders begehrte Aufträge wie Servieren oder Garderoben- und Küchenhilfe in amerikanischen Clubs gibt es jedoch nach wie vor nur 1 DM pro Stunde.

Mit den Heinzelmännchen wächst auch ein weiteres Dienstleistungsangebot, das seit dem Jahr der Gründung existiert und sich zunehmender Beliebtheit erfreut: Die jährliche WeihnachtsmannAktion. Ungefähr ein gutes Dutzend Weihnachtsmänner der ersten Stunde waren 1949 an einem schneematschigen Heiligen Abend im Auftrag der "Heinzelmännchen" unterwegs. Die Währungsreform von 1948 hatte deutliche Impulse in die Wirtschaft getragen. Die Auslagen der Schaufenster waren wieder prall gefüllt und lockten zum Schenken. Den Luxus eines studentischen Weihnachtsmannes leisteten sich indes vorwiegend Familien in den "besseren" Gegenden wie Zehlendorf, Charlottenburg oder Steglitz. Kunden waren auch die amerikanischen Offiziersfamilien in Dahlem - beliebt auch bei den Studenten, da die Bescherung bei ihnen erst am 25.12. stattfand. Die studentischen Weihnachtsmänner - und mittlerweile auch Engel - sind inzwischen ein fester Bestandteil der Berliner Alltagskultur geworden. 1998 wurden zur 50.Weihnachtsaktion ca. 4.000 Berliner Familien von den 260 Gabenbringern beschert.

Anfang der 60er Jahre sind trotz Wirtschaftswunders und ständig wachsender Einkommen fast ein Viertel aller Studierenden ganz oder teilweise auf eigene Erwerbstätigkeit zur Finanzierung ihres Studiums angewiesen. In Berlin ist das Ziel der Vollbeschäftigung erreicht. Auch die "Heinzelmännchen" profitieren hiervon. Mittlerweile sind es mehr als 5.000 studentische Teilnehmer, deren Auftragssumme die Millionengrenze überschritten hat. Die Vermittlungsgebühren konnten deshalb schon seit 1955 schrittweise auf 7,5%, dann auf 5% und schließlich auf 3,5% herabgesetzt werden. Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 fallen für die West-Berliner Wirtschaft plötzlich mehr als 50.000 Arbeitskräfte aus Ost-Berlin und dem Umland aus. Als Folge steigt die Nachfrage nach studentischen Arbeitskräften für die Industrie schlagartig an. Auch deshalb können die "Heinzelmännchen" bis 1962 jährliche Überschüsse von rund 5.000 DM erzielen, die dem Sozialfond des Studentenwerks zugeführt werden. Durch die Arbeitsvermittlung wird jetzt auch die Berlin-Zulage bei der Lohnabrechnung zusätzlich berechnet und ausgezahlt.

Im Verlauf der 60er Jahre treten jedoch finanzielle Engpässe hervor, die mit gestiegenem Verwaltungsaufwand, vor allem aber einer stetig wachsenden Anzahl arbeitssuchender Studierender bei nur begrenztem Auftragsangebot im Zusammenhang stehen. Von den etwa 15.000 an der Freien Universität immatrikulierten Studierenden sind zwischenzeitig etwa 8.000, also über 50% als Teilnehmer bei den "Heinzelmännchen" registriert. In dieser Zeit wird immer wieder über eine rechtliche Selbständigkeit der "Heinzelmännchen" nachgedacht. Die Ausgliederung wird schließlich verworfen, um die Existenz der Arbeitsvermittlung und damit Möglichkeiten einer Studiumsfinanzierung für die FU-Immatrikulierten nicht zu gefährden. Mit der Umwandlung der Studentenwerke von Technischer und Freier Universität in eine Anstalt des öffentlichen Rechts geht auch die Arbeitsvermittlung "Heinzelmännchen"am 01.04.1973 auf diesen gemeinnützigen Träger über. Die empfohlenen Stundenlöhne liegen jetzt bei durchschnittlich 7 DM und werden nicht mehr nach fixen Tarifsätzen festgelegt.

1979 wird die gemeinsame Arbeit von "Heinzelmännchen" und der "Studenten-´servis` Zeitarbeit-Vermittlung" des Arbeitsamtes begründet. Hierfür ziehen die "Heinzelmännchen" in neue, größere Räumlichkeiten in die Clayallee 319 um. Die gemeinsame Vermittlungstätigkeit "unter einem Dach" macht es möglich, dass jetzt auch längerfristige Aufträge über die "Heinzelmännchen" abgerechnet werden können. Steigende Mitgliederzahlen machen es jedoch schon 1983 notwendig, dass die "Heinzelmännchen erneut umziehen. Die neue Adresse: Unter den Eichen 96. Im Verlauf der 80er Jahre werden die Studierenden der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und der Fernuniversität Hagen in den Vermittlungsdienst einbezogen.

1983 wird die Stelle eines AstA- Beauftragten eingerichtet, um in Konfliktfällen zu vermitteln und zu beraten. Der wirtschaftliche Aufschwung lässt Stundenlöhne auf über 10 DM und das jährliche Auftragsvolumen kontinuierlich um 15-20% steigen. Gleichzeitig verlagert sich das Arbeitsfeld der 17.000 "Heinzelmännchen" stärker in den gewerblichen Bereich. Die Bearbeitungsgebühren können erneut auf 2,75 % und schließlich auf 2,5% herabgesetzt werden.

Nach dem Fall der Mauer im November 1989 führt das Zusammenwachsen der beiden Stadtteile zunächst zu einem wirtschaftlichen Boom, der sich bei den "Heinzelmännchen" durch meterlange Angebotslisten mit gutbezahlten Jobs bemerkbar macht. Die "Heinzelmännchen" leisten sich ein neues Logo als Aushängeschild und ziehen im November 1991 noch einmal um: in die Silberlaube an der Thielallee 38, wo die zentrale Lage auf dem FU-Campus die Job-Suche zwischen den Lehrveranstaltungen erleichtert. Ab 1991 wird die Berlin-Zulage schrittweise abgebaut, während gleichzeitig die Lebenshaltungskosten steigen. Die Nachfrage nach Jobs ist unverändert hoch: Eine Studie des Deutschen Studentenwerkes zeigt auf, dass mittlerweile über die Hälfte aller Studenten auch während der Vorlesungszeit jobben. Die "Heinzelmännchen" haben jetzt 18.000 Mitglieder. In dieser Zeit können die Umsatzsteigerungen der vergangenen Jahre nicht mehr fortgesetzt werden, da sich die Arbeitsmarktsituation besonders für kurzfristige Tätigkeiten wegen wegfallender Steuersubventionen allmählich verschlechtert. Tendenziell sinken nun erstmalig auch die Stundenlöhne aufgrund des Lohngefälles zwischen West- und Ostteil der Stadt. Die "Heinzelmännchen" bemühen sich, neue Auftraggeber durch verstärkte Öffentlichkeitsarbeit zu gewinnen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken.

1992 kann das Vermittlungsangebot auf Arbeitgeber in Berlin und Brandenburg ausgeweitet werden. Später folgen dann auch die Studierenden der vom Studentenwerk Potsdam betreuten Hochschulen, außerdem der Europäischen Wirtschaftshochschule Berlin und der Schule für Eurythmische Art und Kunst. Inzwischen wurde die Personalstruktur auf überwiegend studentische Aushilfskräfte umgestellt, was Kosten spart, eine Verringerung der Mitarbeiterzahlen jedoch vermeidet. 1994 bekommen die "Heinzelmännchen" private Konkurrenz. Die Erlaubnis zur Arbeitsvermittlung wird nunmehr allen zuverlässigen Antragstellern erteilt. Für die "Heinzelmännchen" bedeutet dies auch eine mögliche Ausweitung des Vermittlungsangebots auf Studierende anderer Hochschulen. In Absprache mit der zweiten großen studentischen Arbeitsvermittlung Berlins, der "TUSMA", wird jedoch die über Jahre bewährte Vermittlungspraxis und Zuständigkeit für Studierende beibehalten. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen können die "Heinzelmännchen" ihre Vermittlungstätigkeit bis 1995 noch einmal auf über 60.000 jährliche Aufträge steigern. Immer wichtiger werden hierbei Jobangebote der florierenden Berliner Baubranche, des Dienstleis-tungssektors und des Pflegebereichs.

Im Oktober 1996 werden auch Studenten wie andere Erwerbstätige rentenversicherungspflichtig. Diese Neuregelung führt nicht nur zu finanziellen Einbußen auf studentischer Seite - auch der Verwaltungsaufwand für studentische Aushilfskräfte wächst. Durch den finanziellen und organisatorischen Mehraufwand verlieren sie an Attraktivität für Auftraggeber.Die "Heinzelmännchen" gründen deshalb zum 01.01.1997 ein Abrechnungszentrum, das auf Wunsch die rentenversicherungsrechtlichen Melde- und Nachweispflichten übernimmt. Trotzdem haben die Auftragsangebote und Vermittlungszahlen seitdem abgenommen. Die "Heinzelmännchen" bemühen sich daher verstärkt, Verwaltungsaufwand für Arbeitgeber zu vermeiden und ihr Service-Angebot auszubauen.

Aufgrund dieser Entwicklung müssen 1998 erstmals seit Bestehen der Arbeitsvermittlung die Gebühren für Einzelvermittlungsscheine um einen halben Prozentpunkt auf 3% angehoben werden. Für studentische Teilnehmer, die lediglich die Lohnabrechnung der "Heinzelmännchen" in Anspruch nehmen, wird der "Selbstabholer-Service" eingerichtet. Sie können Abrechnung und Neuausstellung der Vermittlungsscheine auf dem Postweg und so Wartezeiten vermeiden. Eine im Herbst durchgeführte Teilnehmerbefragung ergibt unter anderem, dass besonders in diesem Punkt Verbesserungen erwartet werden. Auch die im November installierte Aufrufanlage soll Wartezeiten für alle Teilnehmer verringern und abschätzbar machen. Eine weitere Neuerung sind Monitore, die die Joblisten ersetzen und jederzeit über den aktuellen Stand der Auftragsangebote informieren.

Heute sind etwa 15.000 Studentinnen und Studenten den mehr als 5.000 registrierten Arbeitgebern vermittelbar. Für mehr als die Hälfte von ihnen sind die angebotenen und abgerechneten Jobs wichtigste bzw. alleinige Finanzierungsquelle. Zuletzt konnten die Mitglieder der "Heinzelmännchen" mit knapp 40.000 Vermittlungsaufträgen eine Bruttolohnsumme von ca. 23,5 Mio. DM erzielen.
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